Drei Fragen an das neue Vorstandsmitglied und bisherigen amm-Beirat Thomas Steffen

Das Interview wurde 2022 nach seiner Wahl in den amm-Beirat geführt. 

Dr. med. Thomas Steffen ist Facharzt für Prävention und Public Health. Er ist Präsident der Stiftung Patientensicherheit Schweiz.

1. Was hat Sie bewogen, diese Aufgabe zu übernehmen?

 

Neugier und Sinnhaftigkeit. Tatsächlich bin ich schon seit einigen Jahren auf die Akademie

Menschenmedizin aufmerksam geworden, weil mir die amm-Mitglieder immer wieder durch

ihr pointiertes Engagement für ein menschengerechtes Gesundheitswesen auffielen. Viele amm-Themen, wie beispielsweise eine ganzheitliche Sicht auf Leben und Sterben, die persönliche

Entscheidungsfindung bei Behandlungen, eine solidarische Gesundheitsversorgung haben mich bis

heute in meiner Arbeit als Arzt stark geprägt. Diese Themen sollten aber zweifellos mehr in den

Vordergrund der Öffentlichkeit kommen, da wir sonst die vielen offenen Fragen im heutigen

Gesundheitswesen nicht nachhaltig beantworten können. Ich hoffe im Beirat einen kleinen Beitrag

für eine solche menschengerechtere Medizin leisten zu können.

 

2. Welcher Aspekt der Menschenmedizin ist Ihnen besonders wichtig / In welchem Bereich sehen Sie besonders dringenden Handlungsbedarf?

 

Die Corona-Pandemie, die auch eine Art Stresstest für das Gesundheitswesen war, zeigte den

Entwicklungsbedarf gerade auch bei Themen, welche die amm vertritt. Nur über eine enge,

verbindende Kommunikation kann man Dilemmas wie sie beispielsweise bei Massnahmen in Alters-

und Pflegeheimen oder rund um das Impfen entstanden, gemeinsam lösen. Wir müssen also weiter

den nachhaltigen, menschengerechten Themen in der Medizin eine Stimme geben und so mithelfen,

dass sich die Kommunikation zwischen den Fachwelten und den Patienten*innen stetig verbessert.

 

3. Wenn Sie darüber entscheiden könnten: Welche konkrete Änderung/Massnahme würden Sie am Gesundheitswesen in der Schweiz vornehmen und warum?

 

Wir stehen im Moment mitten in einer Zeit des Umbruchs nicht nur im Gesundheitswesen. Ich würde

mir wünschen, dass wir zukünftig die anstehenden Aufgaben wie Kostenkontrolle im

Gesundheitswesen, Digitalisierung, menschengerechtere Medizin usw. partizipativer angehen.

Leider startet man häufig nicht einmal den Versuch, dies zu tun, und so verharren alle

Interessengruppen in ihren Positionen. Bekanntlich sind Positionen kaum verhandelbar. Bedürfnisse

über ein gegenseitiges Verständnis hingegen schon.

Entsprechend hätte man beispielsweise die laufende Aufarbeitung der Corona-Pandemie nutzen

können, einen solchen breiten partizipativen Prozess zu starten. Die vielen Einzelberichte, die

gerade veröffentlicht werden, zeigen, dass dies wohl bei Corona Utopie bleiben wird. Das schweizerische Gesundheitswesen könnte solche partizipativen Prozesse aber im Moment auch bei

vielen anderen Themen gut gebrauchen. Bleiben wir dran.